Kunst ist das, was bleibt

  • Balz Hilt 1940er Jahre

  • Balz Hilt, 1950

  • Erste Galerie an der Aeschenvorstadt 35 in Basel

  • um 1955

  • Günter Grass und Balz Hilt

  • Maria Bott und Balz Hilt, Galerie an der Rittergasse

  • Vernissage, 1968

  • Galerie HILT, Rittergasse Basel

  • Balz Hilt, Friedrich Schröder-Sonnenstern (2. von rechts)

Die Galerie HILT hatte über Jahrzehnte hinweg mehrere Ausstellungsräume in Basel und auch in Zürich; der Gründer Balz Hilt (1921 – 1997) war Motor und Mitbegründer der Kunstmesse Art Basel; mit Ausstellungen mit Werken von H.R. Giger, Eugène Ionesco, Le Corbusier, Raoul Dufy, Sonja Sekula, Günter Grass und den Künstlern aus Gugging sorgte die Galerie auch international für Aufsehen.

In diesem Jahr feiert sie ihr 70-jähriges Bestehen, sie ist die älteste heute noch aktive Galerie in Basel. Zeit, einmal innezuhalten, zurückzublicken und nach vorne zu schauen. Und Zeit für ein Gespräch mit dem jetzigen Galeristen Christian Ragni.

1950 hat Balz Hilt die Galerie HILT eröffnet. Wie kam er zur Kunst?

Balz Hilt kam mit der Kunst bereits in jungen Jahren in Berührung. Er stammte aus bescheidenen Verhältnissen; der Vater verstarb früh. Die Mutter war aufgeschlossen und kulturell sehr interessiert und nahm ihre zwei Söhne oft zu Besuchen in das Basler Kunstmuseum mit. Dadurch wurde sein musisches und künstlerisches Interesse wurde schon sehr früh geweckt.

Zum Broterwerb musste Balz Hilt, wenn auch widerwillig, zuerst den Coiffeurberuf erlernen. Er legte dann die Coiffeurschere rasch weg und begründete mit Theo Tanner die Basler Buchhandlung Tanner. Er absolvierte dann auch die Ausbildung zum Buchhändler und baute die heute noch viel beachtete Abteilung für englische Literatur auf.

1950 entschied er sich, als fliegender Händler in den Kunsthandel einzusteigen. In kleinen Privatausstellungen – heute würde man das wohl Off-Spaces oder kulturelle  Zwischennutzung nennen – präsentierte er Kunstwerke.

1955 wagte er den Schritt und eröffnete mit permanenten Ausstellungsräumen seine erste Galerie an der Aeschenvorstadt in Basel.

«Als Galerist muss man eine Sehnsucht haben und Entdecker sein, Freude entwickeln und voller Interesse für Neues sein»

Vom Coiffeur, zum Buchhändler zum Galeristen. Das sieht auf den ersten Blick nicht gerade nach einem roten Faden aus

Vielleicht nicht auf den ersten Blick. Es ist jedoch wichtig, sich den damaligen Zeitgeist vor Augen zu führen. Es waren die 50er Jahre, kurz nach dem Krieg. Es herrschte eine Art Aufbruchstimmung; und da gab es diese Welt der Kunst, des Theaters, der Literatur. Dazumal war das wie eine Art Halbwelt, in der sich auch Randgruppen trafen und frei sein konnten.

 

Und was war seine Vision, was trieb ihn an?

Balz Hilt sagte immer, als Galerist muss man eine Sehnsucht haben und Entdecker sein, Freude entwickeln und voller Interesse für Neues sein können. Er war stets offen für Neues und liess sich von aktuellem Zeitgeschehen und aber gleichzeitg auch von der Geschichte inspirieren.

Er wollte Kunst nie bloss als etwas Elitäres reduzieren; Kunst sollte einem breiten Publikum zugänglich sein und auch verständlich gemacht werden. Und er ist in der Tat nie stillgestanden. Selbst 1997, da war er bereits 76 Jahre alt, hat er sich entschlossen, einen kaufmännischen Lehrling in der Galerie auszubilden. Das war dazumal in der Schweiz ein absolutes Novum!

Was unterscheidet eigentlich den Galeristen vom Kunsthändler?

Der Kunsthändler versucht in erster Linie mit Werken Profit zu machen. Wo kaufe ich etwas ein, welche Künstler kaufe ich ein, wie kann ich möglichst viel Gewinn erwirtschaften.

Der Galerist oder die Galeristin sieht das Potenzial und die Gesamterscheinung von Kunstschaffenden. Als Galerist möchte man Talente entdecken, sie fördern, regelmässig begleiten, ihnen Ausstellungen ermöglichen, ihre Arbeiten dokumentieren, sie an andere Galerien und Ausstellungsorte weitervermitteln und bestenfalls sogar bis zur Museumsreife bringen.

Hilt war ja auch einer der Initiatoren und Mitbegründer der Art Basel.

Ja, das war im Jahre 1968. Er hatte schon länger die Idee, den Kunstplatz Basel zu stärken, den Galerien und der Kunstszene ein grösseres Gewicht zu verleihen. Dazu hatte er auch immer wieder Gespräche mit anderen Galeristen geführt.

Eines Tages sass er im Zug auf einer Reise nach Paris und las einen Zeitungsartikel über eine Kunstmesse, die dazumal in Stuttgart geplant war. Dieser Artikel war ausschlaggebend. Er nahm sofort Kontakt mit Trudl Bruckner von der Galerie Riehentor auf, mit der er das Projekt «Kunstmesse Basel» schon einige Zeit intensiv diskutiert hatte. «Trudl, in Deutschland läuft bereits etwas, jetzt müssen wir unbedingt etwas tun!». Bruckner und Hilt waren damals die massgeblichen Triebfedern und die Motoren für die Entstehung einer Kunstmesse in Basel.

Als Dritter schloss sich ihnen etwas später Ernst Beyeler an. Keine zwei Jahre später fand dann die erste Art Basel statt. Heute ist sie international die wichtigste Kunstmesse.

Die Galerie HILT mit Werken von H.R. Giger an der Art Basel 1991

Und wie kam es dazu, dass die Galerie HILT, als Initiatorin und Mitbegründerin, irgendwann nicht mehr an der Art Basel ausstellte? Hat da die Revolution ihre eigene Kinder gefressen?

Dazu gibt es mehrere Theorien.

Die Art Basel war ursprünglich für Basler Galerien geplant; sehr schnell ging es dann jedoch auch darum, grössere und international anerkannte Galerien einzuladen, die Messe wurde erfolgreicher, international immer anerkannter und auch kommerzieller.

Vermutlich hat Balz sich da auf die Hinterbeine gestellt, weil er mit Leib und Seele Galerist war, und sich nach wie vor auch für die jungen, und damit weniger prestigeträchtigen, Talente eingesetzt hat. Er war da sicherlich ein unbequemer Zeitgenosse. Das hat nicht immer allen gefallen.

Gleichzeitig hat er mit den H.R.-Giger-Ausstellungen an der Art Basel eine enorme Beachtung gefunden, vielleicht führte das zu Neid?

Andere Stimmen sagen, er habe an der Art nicht nur die Werke seiner Künstler, sondern auch seine eigenen Bilder
gezeigt – er malte selber unter dem Pseudonym Lorrain Villebois – was in der Szene verpönt ist.

Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte. Aber natürlich hat es ihn lange beschäftigt, dass er nach
vielen Jahren und so viel Engagement nicht mehr an der von ihm mitgegründeten Messe ausstellen durfte.

Herr Ragni, Balz Hilt sagte einmal über sich selber, als Geschäftsmann sehe er sich als Muschel. Das ist nun nicht gerade das Tier, das wir mit einem Galeristen assoziieren. Wie meinte er das?

In der Tat, er hat sich selber einmal schalkhaft als Muschel bezeichnet, angesprochen darauf, wie man eine Galerie über so viele Jahre hinweg beständig und erfolgreich führt.

Balz Hilt erklärte das so: «Ich bin da; ich bin offen; ich warte; ich lasse mich sanft mit dem Strom treiben, bleibe wach und nehme alles wahr. Und wenn etwas Interessantes vorbeikommt, dann schnappe ich zu.» Das ist doch ein stimmiges Bild für seine Geschäftsphilosophie.

Jetzt bin ich jedoch selber gespannt - welches Tier hätten denn Sie erwartet?

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Eine Vernissage in der Galerie HILT

Nun ja, ich hätte etwas Exotischeres, Schillerndes vermutet, vielleicht einen Pfau, einen Panther, eine Schlange. Wenn ich an eine Galeristin oder einen Galeristen denke …

… dann denken Sie vermutlich an Ruhm, Geld, ausufernde Partys mit den Künstlerinnen und Künstlern?

Dem Beruf des Galeristen hängt etwas Ungewisses, leicht Mystisches an; man vermutet dort immer eine gewisse Aura. Natürlich gab es viele grosse Anlässe mit Prominenz und Presse, tolle Events und grosse Partys. Alltag und die Realität sehen aber oft ziemlich anders aus.

Dann klären Sie uns bitte auf, wie können wir uns die Arbeit als Galerist vorstellen?

Natürlich muss ein Galerist viel Herzblut, Enthusiasmus, Neugier und Idealismus haben.

Der Galerist ist quasi das Bindeglied zwischen Besuchern, Betrachtern, Käufern und den Kunstschaffenden. Er muss diese auf ihren Wölkchen genauso im Blick haben wie die Bedürfnisse der Kundschaft.

Aber ein Galerist muss letzten Endes auch immer Unternehmer sein, und das bedeutet zum Beispiel strukturiert zu sein, Organisationstalent zu haben, vernetzen können und er sollte auch mit Zahlen umgehen können. Die tägliche Arbeit hat oft wenig mit Kunst und Kultur zu tun. Da fallen ganz normale Tätigkeiten wie Buchhaltung, Administration, Dokumentation, Logistik, Kundenpflege, Marketing und Gespräche mit den Künstlerinnen und Künstlern an.

Von aussen sehen wir oft die tollen Ausstellungen und schicken Vernissagen …

… genau, und das sieht natürlich immer irgendwie sexy aus. Wenn ich da zum Beispiel an die Ausstellungen mit H.R. Giger denke – da hatten wir einen regelrechten Run auf die Galerie, viel Presse war da, die Besucher standen Schlange, H.R. Giger musste von Bodyguards beschützt werden; das hinterlässt sicherlich Eindruck.

Dahinter stand aber ein ausgeklügelter Projektplan und viel Logistik – von der Einsatzplanung der 20 externen Mitarbeiter über Versicherungsfragen, Verhandlungen mit dem Kunstagenten, Zollabfertigungen und Logistik für die Einfuhr der Werke bis hin zur Öffentlichkeits- und Medienarbeit und und und. Das ist sehr vielseitig, gleichzeitig bedeutet es harte Arbeit, akribische Planung und auch ein finanzielles Risiko. Das muss ich als Galerist und Unternehmer bereit sein zu tragen.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Ausstellung HR GIGER
«Pasagen-Tempel»

Sie sprechen H.R. Giger an. Was macht Ihrer Meinung die Faszination seiner Werke aus?

H.R. Giger hat mit seiner Airbrushtechnik abstossend-erregende Halbwesen kreiert, diese Menschenmaschinen, die Mechanoiden. Seine Werke umgibt eine hypnotische, düster anmutende Poesie. Der Mensch verwebt sich mit der Maschine, und all das verbindet sich mit Erotik. Seine Ideen und die expliziten Darstellungen waren seinerzeit visionär – aber auch ein Tabubruch. Und sie faszinieren uns bis heute.

Und schauen wir uns die aktuellen Entwicklungen in der Biotechnologie an: Gigers Visionen sind heutzutage lebbar. Sie sind keine Utopien mehr. Wir Menschen können uns dank Biotechnologie tatsächlich «upgraden » – vom implantierten Chip, mit dem ich bezahlen kann, über ein eingepflanztes Sensorium, mit dem farbenblinde Menschen Farben hören können.

Welche Künstlerinnen und Künstler, welche Kunstrichtungen sind für die Galerie ebenfalls wichtig und wegweisend gewesen?

Als wegbegleitende Künstlerin ist für unsere Galerie ganz sicher Sonja Sekula zu erwähnen.

Auch Le Corbusier war ein wichtiger Name. Balz Hilt hat ihn schon früh ausgestellt, damals hatte er noch kein Renommee als bildender Künstler.

Die Art Brut und die Naive Kunst sind Kunstrichtungen, die wir im Laufe der Jahre auch immer wieder gezeigt haben.

Zudem fällt mir Schwester Maria Raphaela Bürgi ein. Sie ist ordinierte Nonne und hat schon in ihrer Kindheit gemalt. Ihre künstlerische Neigung wurde im Kloster entdeckt und gefördert. Balz Hilt hat ihr 1997 die erste Ausstellung bei uns gewidmet - die Vernissage hat er leider nicht mehr erlebt.

Und dann ist da ja auch Hanspeter Kamm mit seinen Drahtobjekten …

Mit Hanspeter Kamm verbindet uns eine jahrelange Zusammenarbeit, wir teilen viele Gespräche, Diskussionen, gemeinsames Lachen und ja, auch Freundschaft.

Hanspeter Kamm ist vermutlich der Künstler, der sinnbildlich am stärksten für die Galerie HILT steht. Er vermag ein breites Publikum zu begeistern – vom Kindergärtner bis zur Unternehmerin, vom kleinen Kind bis zum Grossvater. Seine Werke sind nicht bloss nur elitäre Kunst; sie begeistern Menschen, die neugierig sind und Freude am Entdecken haben.

Ich richte gerade meine Wohnung neu ein. Darf ich Sie um Ihre Expertise bitten, welches Bild in meine Wohnung passen würde?

Natürlich dürfen Sie das, Frau Schröder. Aber ich denke nicht, dass ich Sie dabei unterstützen kann. Es gibt bei mir nur wenige No-Gos. Kunst als reines Ausstellungs- oder Dekorationsobjekt anzusehen, ist aber ganz sicher eines davon.

Was genau macht dann Kunst für Sie persönlich aus?

Ein Bild oder ein Objekt beinhaltet eine Geschichte, eine Technik und künstlerisches Können; es vereint die Geschichte, die Leidenschaft, das Wesen und vielleicht sogar das Leiden des Kunstschaffenden. An Kunst interessiert mich das Wahre. Ich muss da Echtheit spüren, etwas Authentisches, Einzigartigkeit. Wenn ich fühle, dass da nichts Aufgesetztes ist, dann ist es für mich Kunst. Etwas das bestehen bleibt.

Und wenn Kunden zu mir sagen, dass sie nach zehn oder zwanzig Jahren noch immer Freude an einem Kunstwerk haben, und noch immer etwas Neues darin sehen und entdecken können, dann ist das tatsächlich Kunst, die bleibt. Und das ist eben sehr viel mehr als nur ein Dekorationsobjekt.

Und in welche Richtung haben sich der Kunstmarkt und die Galerieszene in den letzten Jahren entwickelt?

Künstlerinnen und Künstler können sich dank Internet und Sozialen Medien je länger je mehr selber bekannt machen und vermarkten.

Die Zeiten der One-Man-Shows, also der künstlerbezogenen Einzelausstellungen, sind damit für kleinere Galerien eher schwierig geworden. Einige Galeristen beschränken sich darum mittlerweile darauf, ihre Galerie als repräsentative Niederlassung zu behalten, den Verkauf selber wickeln sie jedoch über das Internet oder anderen Off-Places ab.

Vor diesem Hintergrund – wie ist die Galerie HILT aktuell aufgestellt, was dürfen die Besucher und Betrachterinnen bei Ihnen erwarten?

Wir haben unser Ausstellungskonzept angepasst und positionieren uns heute viel stärker Werk-bezogen. Bei den Wechselausstellungen akzentuieren wir nicht mehr eine einzelne Künstlerin oder einen Künstler, sondern wir zeigen die Bandbreite und Vielfalt an Werken unterschiedlicher Künstler.

Und in unserer Dauerausstellung «Espace Africain» findet man eine Sammlung afrikanischer Stammeskunst; im «Kabinett» stellen wir Drahtobjekte von Hanspeter Kamm aus.

Gleichzeitig darf ich sagen, dass auch für mich das Muschel-Prinzip gilt: Ich bleibe weiterhin neugierig, halte Augen und Ohren offen, und wenn ich etwas Neues, Aufregendes sehe, schnappe ich zu.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Lorrain Villebois
«Die blaue Blume»
 

Eine letzte Frage: Wenn die Galerie eine Blume wäre, welche wäre sie dann wohl?

Ich denke, Galerie HILT wäre die «Blaue Blume». Sie war das zentrale Symbol der Romantik, sie steht für Sehnsucht und Liebe, und das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. «Kunst ist dort, wo eine Sehnsucht ist», meinte Balz Hilt.

 

Das Gespräch führte Michaela Schröder